Wenn Buchstaben verschwinden
Glücklose ABC-Schützen: Kinder mit Legasthenie können keine Ordnung in die Buchstaben bringen. (Foto: Cristina Fumi/Fotolia)Kinder mit einer Lese-Rechtschreib-Störung stehen unter enormem Druck.
Richtig lesen und schreiben zu können ist eine der wichtigsten Voraussetzungen, um in unserer Gesellschaft bestehen zu können. Kinder, die Schwierigkeiten damit haben, erfahren das schon früh. Bereits in der Grundschule muss man lesen können, um in allen Fächern zu bestehen – die Folge einer Lernstörung kann ein generelles Schulversagen mit schweren Konsequenzen sein.
Lese-Rechtschreib-Störungen sind verbreitet
Der Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie (BVL) geht davon aus, dass vier bis sechs Prozent der Grundschüler Legastheniker sind. Das heißt, dass ihnen das Lesen und Schreiben ungewöhnlich schwer fällt und sie dafür sehr viel mehr Zeit benötigen als ihre Klassenkameraden. Beim Lesen lassen sie häufig Worte oder Wortteile aus, benutzen andere, inhaltlich ähnliche Begriffe oder vertauschen die Reihenfolge der Worte im Satz. Sie lesen oft langsam und brauchen lange, um den Anfang des Textes zu finden. Manchmal verlieren sie beim Lesen die Orientierung. Inhaltliche Fragen zu gelesenen Texten sind für Legastheniker oft nicht zu beantworten.
Legastheniker tun sich schwer, einzelne Buchstaben oder Worte korrekt zu schreiben. Grammatikfehler oder Fehler in der Zeichensetzung sind häufig, in Worten werden Buchstaben ausgelassen oder vertauscht. In ungeübten Diktaten machen Legastheniker sehr viele Fehler, aber auch das Abschreiben eines Textes ist ein großes Problem. Dazu kommt eine unleserliche Handschrift. Charakteristisch für Legasthenie ist, dass Worte auf immer wieder andere Arten falsch geschrieben werden.
Lese- und Rechtschreibstörungen treten nicht immer gemeinsam auf. Es gibt auch isolierte Lese- oder Rechtschreibstörungen. Grundsätzlich ist keine Legasthenie wie die andere – Schwere und Ausprägung unterscheiden sich von Fall zu Fall.
Große emotionale Belastung
Erste Symptome einer Legasthenie zeigen sich bereits im Verlauf der ersten Klasse, eine zuverlässige Diagnose kann Forschern der Universität Marburg zufolge jedoch erst ab Ende der zweiten Klasse gestellt werden.
Kinder mit einer Lese-Rechtschreib-Störung stehen bereits in den ersten Schuljahren unter einem enormen Druck. Weil sie das Lesen und Schreiben viel langsamer lernen als ihre Mitschüler, werden sie oft gehänselt und als dumm oder faul bezeichnet. Weil sie ihre Mitschüler an sich vorbeiziehen sehen, betrachten sie sich selbst als Versager und entwickeln eine Angst vor der Schule, die sich in Depressionen und Vermeidungsverhalten ausdrücken kann. Morgens quälen sie Kopf- oder Bauchschmerzen, Hausaufgaben werden nicht oder nur widerwillig gemacht, möglicherweise wird sogar die Schule geschwänzt. Nicht zuletzt wirkt sich die schlechte Lese- und Rechtschreibleistung auf andere Fächer aus. Dadurch verschlechtert sich auch hier die Leistung, die Versagensängste bestätigen sich.
Legasthenie hat nichts mit fehlender Intelligenz zu tun
Dabei sind legasthene Kinder keinesfalls dumm. Ihre Störung steht in Wirklichkeit in keiner Verbindung zur Intelligenz, sie können sogar hochbegabt sein. Auch die Unterrichtsqualität und der betriebene Lernaufwand haben keinen Einfluss auf die Problematik. Legastheniker scheitern nicht aufgrund von mangelndem oder schlechtem Unterricht, aus Faulheit oder Dummheit – sie scheitern gutem Unterricht und Fleiß zum Trotz.
Die Ursachen der Legasthenie sind nach wie vor unbekannt. Studien haben gezeigt, dass die Störung in manchen Familien gehäuft auftritt und vererbbar ist. Laut BVL geht man von einem genetischen Anteil von 60 bis 70 Prozent aus.
Ein Gen, das die Symptome bedingt, ist bislang nicht bekannt. Messungen der Gehirnaktivität bei Legasthenikern haben gezeigt, dass bei der Lautwahrnehmung andere Bereiche aktiv werden als bei Nichtlegasthenikern. Ob man daraus eine neurologische Ursache ableiten kann, ist aber noch nicht geklärt.

