Warum steigen die Arzneimittelkosten jedes Jahr?
Die Arzneimittelausgaben steigen Jahr für Jahr – die Schuld daran wird meist allein der Pharmaindustrie gegeben. (Foto: Bilderbox)Nachgeforscht: Gründe für die Kostenexplosion im Gesundheitswesen.
Der neueste Arzneimittelverordnungsreport zeigt wieder steigende Ausgaben: Die Kosten für Fertigarzneimittel sind in Deutschland 2009 im Vergleich zum Vorjahr um knapp fünf Prozent auf 28,5 Milliarden Euro gestiegen. Dies führt wieder zu der Diskussion, ob die Pharmaindustrie diese Kostensteigerung mit überhöhten Preisen verursacht oder ob sie zum Beispiel auch auf das steigende Durchschnittsalter der Deutschen zurückgeführt werden kann. Eine Ursachenforschung.
Werden die Deutschen wirklich immer älter?
Ja, die Tatsache, dass die Bevölkerung in Deutschland im Schnitt immer älter wird, ist unbestritten. Deutschland hält übrigens seit 1973 einen traurigen Rekord: Es war das erste Land, in dem die Zahl der Sterbefälle höher war als die Zahl der Geburten. Mittlerweile gehen Prognosen davon aus, dass diese Entwicklung weiter anhält und in 40 bis 50 Jahren statistisch auf eine Geburt zwei Sterbefälle kommen.
Lebt denn jeder Einzelne auch länger?
Demografisch gesehen ja und die Ursachen für diese positiven Aussichten wiederum dürften vielfältig sein. Die medizinischen Fortschritte, das heißt, wirksame Medikamente und moderne Operationsverfahren, sind sicher Faktoren, die zu einer höheren Lebenserwartung führen. Statistisch gesehen dürfen sich in Deutschland heute neugeborene Jungen auf 77,2 Jahre und neugeborene Mädchen auf 82,4 Jahre gefasst machen.
Ist das nicht erfreulich?
Auf jeden Fall, der positive Effekt einer längeren Lebenserwartung zieht allerdings auch – wenn man das so nennen darf – negative Aspekte nach sich: Wer länger lebt und älter wird, verursacht nämlich insgesamt auch mehr Kosten. Dies gilt für das Renten- ebenso wie für das Gesundheitssystem. Ältere Menschen sind üblicherweise behandlungsbedürftiger und tragen damit durch medizinische Therapien, Eingriffe und die Einnahme von Arzneimitteln zur Kostensteigerung bei.
Also ist es logisch, dass mehr Arzneimittel gebraucht werden, wenn die Menschen immer älter werden?
Grundsätzlich kann man das so sehen. Trotzdem wird die Schuld in der öffentlichen Diskussion oft bei der Pharmaindustrie gesucht, der man vorwirft, mit überhöhten Preisen die Kosten in die Höhe zu treiben. Das Gegenargument: Die Durchschnittsverordnung ist gar nicht so viel teurer geworden und Fortschritt kostet nun mal Geld. Auch was dran, denn der Ausgabenanstieg im Arzneimittelsektor kann tatsächlich nicht zwangsläufig auf erhöhte Preise der Arzneimittelhersteller zurückgeführt werden, sondern liegt eben auch darin begründet, dass mehr Arzneimittel verordnet wurden. So stieg die Zahl der Verordnungen im Jahr 2009 um circa 1,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.
Und wenn die Preise begrenzt würden?
Sicher lassen sich die Arzneimittelkosten damit drücken und natürlich sollten alle Beteiligten im Gesundheitswesen zum Sparen beitragen. Nur darf die Begrenzung von Preisen nicht dazu führen, dass Innovationen verhindert werden, weil Forschung sich aufgrund des Sparzwangs nicht mehr lohnt. Übrigens: Die Mehrkosten für Arzneimittel beliefen sich im Jahr 2009 auf rund 1,4 Milliarden Euro – Abwrackprämie und unfähige Banker waren in jedem Fall teurer, führten aber nicht zu höheren Lebenserwartungen.

