Neuer Süßstoff aus der Stevia-Pflanze
(dbp/kmh) Die europäische Süßstofffamilie hat Zuwachs bekommen.
Seit Dezember 2011 reihen sich Steviol-Glycoside in die offizielle Liste der energiefreien Süßstoffe ein. Viele Verbraucher haben lange darauf gewartet. Was ist das Besondere an Stevia?
Heißt es umgangssprachlich Stevia, sind meist die Glycoside (zuckerähnliche Pflanzeninhaltsstoffe) gemeint, die man aus ihren Blättern gewinnen kann. In Zutatenlisten wird sich deshalb auch der Begriff Steviol-Glycoside, Stevia rebaudiana A oder Rebiana finden – oder nur die neue E-Nummer 960.
Stevia ist 300-mal süßer als Zucker
Das in Südamerika heimische Kraut wird wegen seiner stark süßenden Eigenschaften – es ist rund 300-mal süßer als Zucker – dort seit langer Zeit verwendet. Punkten kann es außerdem damit, dass es praktisch kalorienfrei und zahnschonend ist. Ein Aspekt, mit dem besonders stark geworben wird, ist sein natürlicher Ursprung. Doch bis aus den geernteten Blättern Steviol-Glycoside entstehen, bedarf es zahlreicher Arbeitsschritte, die wenig natürlich anmuten. Von einem mehrstufigen Verfahren berichtet der Deutsche Süßstoffverband: erst Trocknung, dann Einweichen, Fällung und Entfärbung, Ionenaustausch und mehrfache Kristallisation. Ein solcher Vorgang funktioniert nicht ohne Lösungsmittel und andere chemische Stoffe, die dafür sorgen, dass Farbstoffe und andere unerwünschte Beimischungen ausgefiltert werden.
Reines Stevia-Kraut darf nach wie vor nicht als Zutat in Lebensmitteln eingesetzt werden. Auch der kommerzielle Anbau der Pflanze in Europa bleibt vorerst verboten. Zugelassen wurden nur die Steviol-Glycoside, und diese auch erst, nachdem die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) sich nach der Überprüfung von 180 Studien von der gesundheitlichen Undenklichkeit überzeugt hat. Die Sicherheitsbewertung hat eine tägliche Aufnahmemenge (ADI-Wert) von 4 Milligramm Steviol-Glycoside pro Kilogramm Körpergewicht ergeben.
„Ein Problem könnte jedoch die konsumierte Menge sein“, erklärt Dr. Christina Rempe vom Bonner aid-Infodienst. „Je leichter ein Mensch, desto weniger kann er aufnehmen. Insbesondere bei Kindern könnten deshalb größere Mengen des süßenden Stoffes leicht überschritten werden. Bei Erfrischungsgetränken ist das gar nicht so schwer“, erklärt Rempe. Vielleicht ist das ein Grund, warum aktuell Softgetränke Steviol-Glycoside nur als Teil einer süßen Mischung, meist in Kombination mit Zucker oder anderen Süßstoffen enthalten.
Trotzdem freut sich die Lebensmittelindustrie. Denn eine Fülle neuer Produkte wartet in den betriebsinternen Forschungslabors auf ihren Marktauftritt. Süßstoffe auf der Basis von Steviol-Glycosiden können beispielsweise für Tafelsüßen, Saucen, Fertiggerichte, eingelegte Lebensmittel, Brot, Konfitüren, Desserts, Speiseeis, Milchprodukte, Tee, Säfte und Erfrischungsgetränke zum Einsatz kommen.

