Naturerfahrung mit allen Sinnen

Gartentherapeutin Christiane Stephan im Gespräch mit einer Gruppenteilnehmerin im Alten- und Pflegeheim Hubertusstift in Willich. (Foto: Anne Domdey / dbp)
Gartentherapeutin Christiane Stephan im Gespräch mit einer Gruppenteilnehmerin im Alten- und Pflegeheim Hubertusstift in Willich. (Foto: Anne Domdey / dbp)

Gartentherapie kann bei demenzkranken Heimbewohnern Erstaunliches bewirken

(dbp/auh) Wenn Christiane Stephan einmal in der Woche ins Seniorenheim geht, dann sagt sie nicht: „Wir machen jetzt Gartentherapie“, aber genau das macht sie. Unter ihrer fachkundigen Anleitung wirkt sich die Beschäftigung mit Pflanzen auf die demenzkranken Bewohner buchstäblich heilsam aus. Der sinnliche Kontakt mit Kräutern, alten Apfelsorten oder Wurzelgemüse weckt Erinnerungen und mobilisiert verloren geglaubte Fähigkeiten. Menschen, die aufgehört haben zu sprechen, beginnen wieder, sich mitzuteilen. Andere, die keinen Appetit mehr zu haben schienen, knabbern lustvoll die selbst geernteten Radieschen.

In der „Gartengruppe“, wie Christiane Stephan ihre Therapiestunde lieber nennt, können Menschen, die sich manchmal nutzlos vorkommen, wieder etwas Sinnvolles tun. Sie spüren, dass sie noch etwas können, statt wie sonst im Alltag häufig an ihre Grenzen zu stoßen. Stephan nennt ein Beispiel: „Wenn wir im Sommer unseren Lavendel bündeln, dann kann jeder seine Fähigkeiten einbringen: Einer kann gut zählen, ein anderer macht schöne Schlaufen, ein Dritter schneidet den Faden ab.“ Diese positive Selbsterfahrung wirkt nach, sie bereichert den Alltag im Pflegeheim auch über die Gartenstunde hinaus.

Therapieangebot ist variabel

Je nach Einrichtung, in der die selbstständige Gartentherapeutin und Naturpädagogin arbeitet, handelt es sich dabei um ein offenes Angebot für wöchentlich wechselnde Interessierte oder um eine geschlossene Gruppe mit einem festen Kreis an Personen. Die Aktivitäten werden an die Gegebenheiten vor Ort und an die Fähigkeiten der Teilnehmer angepasst. Gartentherapie geht überall, sogar ganz ohne Garten: In dem Fall könne man ein Hochbeet im Innenhof aufstellen, erklärt die Expertin. Da viele Heimbewohner sich nicht mehr gut bücken können oder auf den Rollstuhl angewiesen sind, sei ein Hochbeet sogar viel praktischer.

Die Gartentherapie kann auch im Haus stattfinden. „Es gibt doch Zimmerpflanzen!“, lacht Christiane Stephan. Oder sie bringt etwas mit, das man in die Hand nehmen und an dem man schnuppern kann, zum Beispiel Exemplare alter Apfel- oder Rübensorten. Dann liest sie ein dazu passendes Gedicht oder singt ein Lied vor, lässt dabei aber das Schlüsselwort weg. Das wird dann von den Teilnehmern ergänzt. „Ich sehe jedes Mal aufs Neue, welche Leidenschaft man entfachen kann bei Leuten, die sonst wenig Reaktion zeigen“, sagt die 47-Jährige.

Wirkung über die Gruppe hinaus

„Nach der Stunde sind die Leute entspannt und fröhlich. Sie werden von ihren Mitbewohnern gefragt: Was habt Ihr heute gemacht?“, berichtet die engagierte Therapeutin, die Fördermitglied der Internationalen Gesellschaft GartenTherapie (IGGT) ist. Das im Jahr 2010 gegründete Netzwerk setzt sich für die Entwicklung internationaler Standards der Gartentherapie ein.

Ein Garten allein macht noch keine Gartentherapie. Ohne ein therapeutisches Konzept bleibt der schönste „Sinnesgarten“ ein reines Prestigeobjekt für die Einrichtung. Ein demenzkranker Bewohner wird sich kaum sagen: Heute gehe ich mal in den Garten. Erst der vom Gartentherapeuten gesteuerte Prozess ermöglicht die erstaunlich heilsame Wirkung der Natur.

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