“Ich habe eine ganz starke Kraft entwickelt”
Eine Chemotherapie ist körperlich belastend und durch den Haarverlust meist für jeden sichtbar. Das kostet Kraft. (Foto: cleomiu/Fotolia)Eine Betroffene erzählt von ihrer Chemotherapie.
Knapp eine halbe Million Menschen bekommen jährlich in Deutschland die Diagnose Krebs. Für viele von ihnen bedeutet das: Chemotherapie. Neben Operation und Bestrahlung ist sie die dritte Säule der modernen Krebstherapie. Sie hat zum Ziel, das Wachstum der Krebszellen zu stoppen. Auch Eva H. (Name geändert) hat eine „Chemo“ hinter sich und erzählt von ihrem Erleben. Das Problem ist: Die im Tumor erwünschte schädigende Wirkung der Chemotherapie macht auch vor gesunden Zellen nicht Halt. Vor allem die sich rasch teilenden Schleimhaut-, Haarwurzel-, Keimdrüsen- und Knochenmarkzellen sind betroffen, sodass Übelkeit, Erbrechen, Entzündungen oder Haarausfall häufige Nebenwirkungen sind.
Eine Chemotherapie wird meist über die Vene gespritzt oder per Infusion verabreicht, es gibt aber auch Tabletten und Kapseln zum Einnehmen. Die Dosierungen sowie die Häufigkeit und Intervalle der Verabreichung variieren.
Diagnose Leukämie
Für Eva H. kam die Diagnose aus heiterem Himmel. Zwei Wochen lang hatte sie sich krank gefühlt – Grippesymptome, Nachtschweiß, Atemnot. Auch Antibiotika halfen nicht und ihrem Freund fielen Hämatome auf. „Ich habe überhaupt nicht an etwas Schlimmes gedacht“, sagt sie. Dann schlug das Labor bei der Blutprobe Alarm und sie wurde in eine Klinik geschickt. Das Ergebnis: akute myeloische Leukämie.
Das war 2009 – Eva H. 30 Jahre alt und zuvor nie ernsthaft krank, nie im Krankenhaus gewesen. Ihre Großmutter war an Leukämie gestorben, aber an keiner Form, die vererbt wird. Trotzdem verband sie die Krankheit mit einem Todesurteil – bis zur eigenen Diagnose: „Erst dann ist mir bewusst geworden, wie gut einige Leukämien heilbar sind“, erinnert sie sich.
Fünf Chemo-Blöcke in sechs Monaten
Mit der ersten Chemotherapie wurde sofort begonnen, sie lief sieben Tage lang 24 Stunden durch. Die nächsten vier Blöcke bekam sie jeweils mit mehrwöchigem Abstand an drei Tagen pro Woche, zweimal täglich über mehrere Stunden. Für die Therapie wie auch für die Zeit danach musste sie in die Klinik, bevor sie wieder für ein oder zwei Wochen nach Hause durfte.
„Das war das Schlimmste – im Zimmer bleiben zu müssen“, erklärt Eva H. Weil das Immunsystem extrem geschwächt ist, wird die Raumluft gefiltert, der Besuch muss Schutzkleidung tragen und der Patient darf nur bestimmte Dinge essen. Eva sehnte sich nach einem frischen Salat.
Vor allem während der ersten Chemo hatte sie mit Übelkeit zu kämpfen, und sobald die Blutwerte sanken, war sie müde und schlapp. Als die immer stärker ausfallenden Haare abrasiert wurden, flossen Tränen, erzählt sie: „Das war, als ob mir etwas genommen würde“.
Inzwischen sind die Haare aber wieder gewachsen. Ebenso die Überzeugung: „Ich habe eine ganz starke Kraft entwickelt.“ Heute, mehr als ein Jahr nach dem letzten Chemo-Block, ist eine der beiden Mutationen in ihrem Blut nicht mehr und die andere nur noch minimal nachweisbar. Noch einige Wochen muss sie Tabletten einnehmen, dann ist die Leukämie hoffentlich besiegt.

